Ausser Haus
Freie Lehre
Was bedeutet für uns Lehre heute? Was der Ort, an dem Lehre stattfindet, die Universität? Universität, leitet sich vom lateinischen Wort universitas ab und bedeutet Gesamtheit. Sie vereint die Wissenschaft in Forschung, Lehre , Studium und Ausbildung. Es handelt sich dabei um eine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden mit dem Recht zur Selbstverwaltung und der Möglichkeit der eigenständigen Erstellung und Ausführung von Studienplänen und Forschungsvorhaben sowie dem Privileg der Verleihung öffentlich anerkannter akademischer Grade. Die ersten Universitäten entstanden im Mittelalter und durchbrachen durch ihre Gründung das Wissensmonopol das bis dahin in Händen des Klerus lag und öffneten es einer grösseren Allgemeinheit. Seit 1810 unabdingbar ist mit ihnen der Grundsatz des Humboldtschen Bildungsideals von der Einheit von Forschung und Lehre verbunden, damit Lehre auf höchstem wissenschaftlichem Niveau weitergegeben wird.
Universitäten sind als Freiräume konzipiert, unabhängig von ökonomischen und politischen Ideologien und damit verbundenen Funktionalisierungen und Kosten ? Nutzungsfaktoren, um für die Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft wichtige Erkenntnisse und Grundlagen zu erbringen.
Jürgen Habermas betont 1987, dass die Hochschulen ihre verschiedenen, widersprüchlichen Funktionen, in welchem sich die Spannung zwischen Universität und Gesellschaft immer wieder zum Ausdruck gebracht hat, nur über die Idee einer Universität, welcher der Charakter einer Lebensform zukomme, integrieren könnten. Diese Ideale werden im Moment den hohlen Schlagwörtern Effizienz und Effektivität geopfert.
Die Tendenzen sind eindeutig und gehen hin zu einem Verständnis von Universität als Dienstleistungsunternehmen, als Holding (vgl. die Diskussionen um eine geplante Fusion der Münchner Universitäten zur University of Munich). Von WissenschaftlerInnen hin zu WissensmanagerInnen. Von KünstlerInnen zu KunstmanagerInnen.
Engagement in Lehre, Forschung und Selbstverwaltung werden immer mehr über ökonomische Parameter gelenkt. Ein Beispiel, dass sich in diesen Kontext einordnen lässt, sind z.B. die leistungsbezogene Professorenbesoldung. Das Absenken der Grundgehälter führt nicht nur zu Einsparungen sondern auch ganz konkret zu einem Instrument mit dem Forschung und Lehre konkret beeinflusst werden: Arbeit wird jetzt v.a. dort investiert, wo finanzielle Belohnungen in Form von Leistungszulagen locken. Als Beispiele seien hier nur die Drittmittelwerbung bzw. Kooperationen die mit Wirtschaftsunternehmen eingegangen werden, genannt.
Wie viel Mehrzeit und Mehrenergie, die von Lehre und Forschung abgeht, dafür verloren geht und dadurch bedingt welcher gesellschaftlicher Schaden entsteht, wird nicht beziffert.
Ein weiterer Punkt sind Studiengebühren ? ein weiterer Parameter für die zunehmende Ökonomisierung der Hochschulen.
Es geht um Effizienz und Leistungssteigerung- Begriffe die der Volks ? und Betriebswirtschaft entliehen wurden und letztlich nur einem Parameter unterliegen ? nämlich einem der sich konkret in Geld messen lässt.
Denn letztendlich spricht man von einer Steigerung der Effizienz, wenn sich Beträge bei gleichem Input erhöhen. Leistung ist nichts anderes als das Verhältnis Arbeit pro Zeit.
Es geht also konkret um Beschleunigung und Optimierung der Produktionsabläufe, des Studiums, die durch Struktur - und Organisationsmassnahmen erreicht werden.
Was hat das aber noch mit Studieren zu tun? Mit der Vereinbarkeit von Lehre und Forschung, von Bildung und Ausbildung?
Es ist, als ob man vorher genau (wer?) definieren könnte, was wann in welcher Zeit wie gelernt wird. Als ob Wissen eine Menge wäre, die in ihrem Umfang genau definiert ist und Häppchen Weise lehr- und lernbar ist. Auf alle Fächer anwendbar. Wie zu Schulzeiten.
Eine Vorstellung die der Technik und ökonomischen Praktiken entnommen ist und der Institution Universität komplett übergestülpt wird.
Universitäre Lehre wird fortan primär in Parametern der Quantität (nicht Qualität!) gemessen wie:
Dauer des Studiums, Zahl der Abbrecher, Zahl der Patente oder wie an Kunsthochschulen üblich, Zahl der Ausstellungen, Preise und Stipendien der Studierenden. In den seltesten Fällen geht es noch um Inhalt.
Eliteuniversitäten und die Einführung von Ba/Ma Studiengängen sind nur ein Beispiel dafür, dass man sich eine gute Ausbildung kommender Generationen flächendeckend nicht mehr leisten will. Das was vorher alle Universitäten anbieten konnten, so dass es egal war, an welcher Universität man seinen Abschluss machte, wird durch eine Unterfinanzierung und damit verbundenen Finanzierung einiger weniger Universitäten, den so genannten Eliteuniversitäten, zerstört. Das wird künftige Eliteuniversitäten von anderen auszeichnen ? Geldfluss ? so einfach wird Elite geschaffen .
Das gleiche gilt bei der Einführung von Ba/Ma Studiengängen: billigeres, schnelleres Studieren von lediglich anwendungsbezogenem Wissen wird die Universitäten zu Massenunis verkommen lassen, die sich im wesentlichen vom Profil her nicht mehr von den Fachhochschulen unterscheiden werden.
Eng verknüpft mit dem Begriff der Effizienz ist der der Qualitätssicherung durch Akkreditierung, Evaluation und Kontrolle. Für die Kontrolle der Lehre werden Gelder zur Verfügung gestellt anstatt für Lehre, um neue Stellen in den eng besetzten Stellenkorridoren schaffen zu können. Welche enormen personellen und sachlichen Kosten das neue Controlling verschlingt tritt zu Tage, wenn man die Rechnungen privater Controlling Agenturen in Händen hält (pro Akkreditierung muss mit 10 000 - 20 000 Euro gerechnet werden).
Da den Universitäten aber nicht mehr Geld zur Verfügung gestellt wird, das ganze ein enormer zeitlicher Aufwand bedeutet, geht das wiederum auf Kosten der Lehre und Forschung.
Effizienz und Effektivität lassen sich nicht so einfach auf alle Studiengänge, wo Wissen nicht einfach als Menge definiert ist und in einen zeitlich zu vermittelnden Rahmen gepresst werden kann, überstülpen! Wie z.B. in den Geisteswissenschaften oder künstlerischen Fächern.
In welchem Verhältnis steht z.B. eine gemachte Skulptur, eine Photographie oder ein Bild zu einer für die Fertigung von Luftmassenmesser konzipierten Maschine ?
In welchem Verhältnis stehen die in der Produktion gefertigten Stückzahlen eines Produkts zu einem in der gleichen Zeit gelesenem Buch und dem daraus erfahrenen Wissen?
Der klassische Lehrbegriff ist geprägt von einem hierarchischen Lehrer - Schülerverhältnis, jemand der lehrt und jemand der lernt, das örtlich, zeitlich und personell definiert ist.
Dieser klassische Begriff ist längst überholt.
Im Internet gibt es open ? source Datenbanken, die jedem zumindest prinzipiell räumlich und zeitlich unbegrenzt Wissen zur Verfügung stellen. Aber auch hier beginnt die Nutzung eingeschränkt zu werden ? man muss entweder bezahlen oder Mitglied einer bestimmten Universität oder desgleichen sein, um in den Genuss von Wissensresourcen zu kommen.
Der Wissens - und Informationsfluss im Zeitalter der Information wird nicht etwa immer weiter geöffnet sondern im Gegenteil, sukzessive eingeschränkt. Das Medium das die Möglichkeit besitzt eine relativ uneingeschränkte und schnelle Kommunikation zwischen den entlegensten Orten dieser Welt aufzubauen und entstehen zu lassen wird nur wenigen, zahlkräftigen Mitbewohnern dieser Welt zur Verfügung gestellt.
In den letzten Jahren ist an der UdK eine durch Ressourcenknappheit entstandene verstärkte Abschottung der einzelnen Fakultäten untereinander vonstatten gegangen. Viele Werkstätten wie Siebdruck, Fotographie, Spiel und Bühne etc. etc. wurden in den einzelnen Häusern geschlossen.
Den StudentInnen in der Fak.1,Bildende Kunst, Lehramt, KiK, ist es nicht möglich sich Geräte wie Kameras etc. in der Grunewaldstrasse auszuleihen. Auch die Kursangebote stehen Studierenden aus der Fak1 nicht zur Verfügung, auch wenn im Vorlesungsverzeichnis explizit im Bereich Neue Medien darauf hingewiesen wird, fehlendes Angebot der Fak.1 durch Angebot an der Fak. 2 zu Nutzen. Das gleiche gilt für die Fak.1. Es ist praktisch unmöglich für Studierende anderer Fakultäten die Werkstätten der Fak.1 zu Nutzen.
Wissen ist nicht eindeutig bestimmbar/ kalkulierbar/ einordbar in das braucht man jenes nicht. Das muss individuell entscheidbar sein.
Die bewusste Entmündigung der StudentInnen, denen immer mehr vorgeschrieben wird, welche Lehre und welcher Lehrende für sie gut ist, die immer weniger ihre eigenen Entscheidungen bezüglich ihres Studiums treffen können, macht eine Freie Lehre unabdingbar.
Nur dadurch war und ist Grundlagenforschung möglich. Der Trend ? bedingt durch knappe Haushaltskassen geht weg von freier Forschung und Lehre und damit von Bildung und Ausbildung hin zu einem einseitigem, anwendungsbezogenem, kurzlebigen Wissen, das lediglich der Ausbildung dient und vorgegeben wird durch das was im Moment gerade auf dem ?freien Markt? gebraucht wird. Mit dem Humboldschen Ideal und der gleichwertigen Kombination von Bildung und Ausbildung hat das nichts mehr zu tun.
Freie Lehre!
Wir wollen weg von einem Lehrbegriff wie Lehrer/Lernender, Meister/ Schüler.
Wir sehen Lehre als eine offene Wissens - Ressource die von jedem der daran teil hat mitgestaltet und konstituiert wird. Von einem gegenseitigen Nehmen und Geben.
Mit Freier Lehre stellen wir uns gegen einen Klassen ? oder Fächerbegriff ? mag er noch so frei sein.
Wir verstehen Freie Lehre als ein konzeptuell offenes System, in dem bewusst keine Empfehlung für eine bestimmte Lehre ausgesprochen werden soll. Wir suchen eine Pluralität der Lehre die dadurch entsteht, dass sie von unterschiedlichen Blickwinkeln genährt wird und allen, innerhalb und ausserhalb der Universität, egal welchen Geschlechts, ethnischer oder sozialer Herkunft , frei zur Verfügung steht.
Mit Freier Lehre stellen wir uns gegen die auf hohlen Schlagwörtern wie Effizienz und Effektivität gemessenen Umorientierung der Lehre und deren Unterwerfung unter rein ökonomische Gesichtspunkte.
Mit Freier Lehre konstituieren wir studentische Autonomie in Bildungs ? und Ausbildungsfragen.
Mit Freier Lehre suchen wir die Universität als einen Ort, der seine Zweckbestimmung als Freiraum für freie, unabhängige Forschung und Wissen wieder konstituieren muss ? eine Diskussion, was Lehre, Forschung bedeutet, muss hier, vor Ort, in der Universität geführt werden und nicht ausserhalb.
Positionspapier des fsrbk, Berlin, UdK, Februar 2006